Martial Solal – Live in Ottobrunn

Release: 04.11.2022

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Beschreibung

Martial Solal – piano

Das Unerwartete scheint bei ihm immer logisch, schrieb ein Kritiker. Auf „Live in Ottobrunn“ beweist Martial Solal das von der ersten Note an: Nur ein D erklingt da zunächst, das einen erst auf die Folter spannt, bis ein pianistischer Wirbelsturm folgt: expressionistische Disharmonien lösen sich in Blue-Notes auf, Glissandi-Läufe münden in lange ausgehaltene Akkorde, klassische Motive verschmelzen mit Anklängen an die halbe Jazzgeschichte. Alles rhythmisch hochkomplex variiert, ohne je aus der Time zu fallen. Und erst langsam schält sich der Standard heraus, der die melodische Basis liefert: „My Funny Valentine“. Wie unter dem Brennglas zeigt so schon das erste Stück des nun als Doppelalbum dokumentierten Auftritts bei den Ottobrunner Konzerten im Dezember 2018 die ganze hohe Kunst des „führenden französischen Jazzpianisten“, wie es untertreibend im Lexikon steht: Ist der gerade 95 gewordene Martial Solal doch ein Solitär der Jazz-, ja der Musikgeschichte.
1927 wurde er in Algier als Sohn einer Opernsängerin geboren, die sein Interesse für Jazz früh mit Platten von Fats Waller und Art Tatum weckte. Nach den ersten Übungsjahren orientierte er sich an den kaum älteren Bud Powell und Lennie Tristano. Mit einem kleinen Koffer und etwas Taschengeld zog er 1950 per Schiff und Bus nach Paris aus, um sich am Place Pigalle in die Schlange der Musiker einzureihen, die auf Arbeit warteten. Doch statt die Chansonniers im Varieté zu begleiten, fuhr er lieber zum Club Saint Germain, um mit den vielen dort spielenden Amerikanern zu jammen. Er wurde schnell der Hauspianist, blieb es ein Jahrzehnt lang und begleitete zahllose US-Stars wie Don Byas, Lucky Thompson, Roy Haynes, J. J. Johnson, Stan Getz, Kenny Clarke, Chet Baker oder Sidney Bechet. Parallel dazu hatte Solal auch sein eigenes Quartett mit Roger Guérin, ab 1955 auch sein lange bestehendes, preisgekröntes Trio mit Daniel Humair und Guy Pedersen, Ende der Fünfzigerjahre kam seine eigene Bigband dazu. Und schon 1953 machte er seine erste Plattenaufnahme: mit dem bald danach gestorbenen Django Reinhardt. So wurde Solal 1956 auch der zweite Preisträger des neu geschaffenen „Prix Django Reinhardt“, 2004 erhielt er auch den „Django d’Or“.
Zusammen mit seinem unstillbaren Ehrgeiz, technisch genauso gut zu sein wie die großen Pianisten der Klassik – was ihn bis heute zu unermüdlichem Üben treibt –, waren diese so unterschiedlichen Konstellationen wohl die bestmögliche Schule für seinen eigenen, allumfassenden Stil. Der sich nicht nur beim Pianisten Martial Solal manifestiert, sondern auch beim Komponisten: Neben zahlreichen Songs hinterließ er bis jetzt eine Reihe von Kammermusikwerken – etwa für Elżbieta Chojnacka, Marcel Azzola Pierre Charial oder Les Percussions de Strasbourg –, eine Sammlung von Klavieretüden und Großwerke wie die Suite „Rhythmical Escape“, sein Concerto für Piano und Orchester oder Bigband-Programme wie „Exposition sans tableau“.
Und dann war da auch noch der „Lottogewinn“, wie Solal es später selbst nannte: Sein Freund Jean-Pierre Melville hatte ihn mit dem jungen Jean-Luc Godard bekannt gemacht, und so schrieb Solal 1960 die Filmmusik für dessen bahnbrechendes Erstlingswerk „Außer Atem“. Was auch für ihn einen weiteren Durchbruch bedeutete: Zusammen mit Soundtracks von Miles Davis („Fahrstuhl zum Schafott“), Gerry Mulligan oder Art Blakey markiert er den Beginn einer neuen, vom Jazz geprägten Phase der Filmkomposition. Solal schrieb danach einige weitere Film-Scores, nach einer langen Pause noch einmal im Jahr 2000 für Bertrand Bliers „Les Acteurs“.

Mag sein völlig der Spontaneität geweihtes, vor Klangfarben berstendes und viele der heute im Jazz alltäglichen Stil- und Grenzüberschreitungen vorwegnehmendes Spiel beim Publikum lange der Zeit voraus gewesen sein, unter Jazzpianisten war er früh eine Legende. Heerscharen jüngerer Kollegen wurden von ihm inspiriert, gerade von seinem Solo-Spiel. Da sei er „am besten, weil er da machen kann, was er will“, sagt zum Beispiel Stefano Bollani, ebenfalls ein großer Verehrer. Auch für diese Vorbildfunktion steht „Live in Ottobrunn“. Ist doch Solals Auftritt im Münchner Vorort – sein vorletzter überhaupt, nachdem er sich im Januar 2019 mit einem Konzert im Pariser Salle Gaveau von der Bühne verabschiedete – das Ergebnis einer jahrzehntelangen Beziehung zu Cornelius Claudio Kreusch.
Auch Kreusch fand in Solals Spiel die Blaupause zu dem kreativen Wagemut, der ihm in seinen Anfängen selbst vorschwebte. Als Bewerber und Juror begegneten sich die beiden bei großen Wettbewerben. Mit den Jahren wurde daraus eine gleichberechtigte Beziehung, in der jeder den anderen gleich schätzt. So sagte Solal über Kreuschs „Zauberberg“-Soloalbum: „Cornelius meistert das Klavier und den Jazz. Er besitzt eine immer wachsame Imagination, die ihm erlaubt, anders zu sein. Etwas, das mir immer essentiell erschien als Improvisator. Sein ‚Zauberberg‘ ist voller wundervoller Momente, die jeweils neu erklingen, von Nummer zu Nummer, was eine wirklich schwierige Aufgabe ist. Er macht das perfekt.“ Nur dank dieser gegenseitigen Wertschätzung konnte Kreusch, mit seinem Bruder Johannes Tonio künstlerischer Leiter der Ottobrunner Konzerte, Solal für diesen letzten Auslandsauftritt gewinnen.
Und so breitet Solal auf „Live in Ottobrunn“ noch einmal all seine Qualitäten und seinen Erfahrungsschatz aus, ob bei seiner eigenwilligen kleinen „Histoire de Blues“, einem funkelnden Ellington-Medley, Standards wie „Tea For Two“, „Brother Jack“, „Cherokee“ oder „Round Midnight“ oder völlig freien eigenen Improvisation. All seine Virtuosität, all seine unerschöpfliche Kreativität, im Augenblick neue Pointen zu finden. Und nicht zuletzt seinen herausragenden musikalischer Witz, etwa, wenn er aus „Frère Jacques“ oder „Happy Birthday“ en passant kleine Jazz-Etüden macht.
„Live in Ottobrunn“ ist nicht weniger als das glänzende letzte Beispiel für die herausragende Bedeutung von Martial Solal. Als Bindeglied zwischen Tradition und Moderne, zwischen den Genres und Stilen, zwischen seinen Vorgängern und Nachfahren. Und für den Kern des Jazz, der sich in seinem Stil spiegelt: Auf wundersame Weise ergibt sich bei ihm aus der Summe der vielen Wendungen im Nachhinein ein Sinn. Für den Moment, für das jeweilige Stück und am Ende für das ganze Album. Ein Vermächtnis.