Café del Mundo

Flamenco-Gitarre ohne Rüschenhemd, Franz Schubert neben einem Club-Remix, und Goethe in arabesken Melismen, dazu ein Cover, das den Vergleich mit Beatles Sgt. Pepper geradezu heraufbeschwört. Wer tut denn so etwas, in einer Zeit der glattgewischten Oberflächen?

Zwei aus Franken stammende Gitarristen loten neue Wege der Flamenco-Gitarre aus und bringe sie als Café del Mundo seit Jahren erfolgreich auf die Bühnen der Republik. Der eine, Jan Pascal, kommt von der Klassik, der andere, Alexander Kilian ist nicht nur Jazz-Gitarrist, sondern hat beim georgischen Meister Zaza Miminoshvili auch die Panduri erlernt und wird bei Auftritten mit dieser dreisaitigen Laute auch schonmal in Georgien umjubelt. Für diese beiden ist die europäische Idee keine politische Theorie, sondern das Herzensprojekt gelebter Realität einer jungen Generation.

Dass sie ihr neues Album dieser Idee widmen und es „Beloved Europa“ nennen, hat sich dementsprechend auf ihren Reisen ergeben. Bei einem Musikfestival auf der griechischen Flüchtlingsinsel Samos kamen ihnen die Parallelen zum antiken Mythos der „Entführung der Europa“ in den Sinn: „Europa ist in Gefahr, auch heute wieder“, sagt Jan Pascal. „Man muss nur den Stier durch Potentaten, Protektionismus und Nationalismus ersetzen. Wir alle tragen existentielle Ängste in uns, aber die Frage muss lauten, wie wir damit umgehen. Lassen wir uns von unseren Ängsten leiten oder – von der Kunst. Der Kunst zu lieben. Der Liebe zur Kunst.“ Für Pascal und Kilian keine Frage. Sie suchen das Verbindende in der Musik. Vier Jahre lang trugen sie zwanglos zusammen, was sie für „Beloved Europa“ brauchten. Intuitiv, neugierig, offen für zufällige Begegnungen und Einflüsse.

So fließen nun die verschiedensten europäischen „landmarks“ auf dem Album zusammen. Angefangen mit Goethes „Erlkönig“ und seiner großformatigen Vertonung durch Franz Schubert, die hier in der ersten Flamenco-Version dieses Stücks zum „melting pot“ wird: Henryk Böhm singt die klassische Melodie im Duett mit der Flamenco-Sängerin Rosario la Tremendita, deren Melismen dem mystischen Erlkönig einen noch geheimnisvolleren Ausdruck verleiht, angefacht von der Dynamik des typischen Klatschens und der rhythmisch wogenden Gitarren des Flamenco. Eine ähnliche Metamorphose vollzieht „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ aus dem „Lustgarten neuer teutscher Gesäng“:  Auch diese Hit-verdächtige Melodie des fränkischen  Komponisten Hans Leo Hassler von 1601 bekommt einen iberischen Zungenschlag – und bleibt doch zugleich eine Hommage der beiden gebürtigen Franken Jan Pascal und Alexander Kilian an ihre alte Heimat.

Der polnische Tango-Schlager „Ostatnia Niedziela“ von Jerzy Peterburski ist den beiden wiederum auf einer Konzertreise durch Polen zugeflogen. Das melancholische spannungsvolle Liebeslied wollen die beiden Musiker auch als Beitrag zur Überwindung der Vorurteile zwischen Deutschen und Polen verstehen, mit deren Existenz sie sich konfrontiert sahen. Hörbar in der Toskana entstanden ist die schwebende Eigenkomposition „Spread Your Wings“, der man das Licht und die Luft „Arkadiens“ förmlich anhört.

Auch zwei der berühmtesten Tango Nuevos von Astor Piazzolla, „Oblivion“ und „Libertango“, fanden Eingang in „Beloved Europa“: Obwohl inzwischen sozusagen die Nationalmusik Argentiniens, liegen ihre Wurzeln doch in Europa:  im Flamenco, den die Großeltern Piazollas als europäische Auswanderer mitbrachten. Diese Brücke schlägt Café del Mundo auch mit „Una Escalera De Vidrio“ – „Der Glastreppe“, dem zweiten Flamenco-Tango, den die mehrfach für den Latin Grammy nominierte Rosario la Tremendita auf „Beloved Europa“ singt – übrigens als erste deutsch-spanische Zusammenarbeit dieses Flamenco-Stars.

Es ist ein optimistisches, ein heiter-tiefgründiges Bild, das Jan Pascal und Alexander Kilian mit ihrem Crossover zeichnen. Ihre herausragende Virtuosität steht nie im Vordergrund, immer geht es um die jeden berührenden Melodien und mitreißenden Rhythmen. So kommt einem auch ein zugängliches, ein junges und modernes Europa musikalisch entgegen. Dafür stehen schon die zwei zusammen mit dem electronic-art-Künstler Andi S. erarbeiteten Remixes von „Dance of Joy“ und dem Titelstück, die das Album beschließen und den Welt-Flamenco von Café del Mundo auf die Tanzflächen der Clubs tragen. Was „Beloved Europa“ nicht nur zu einem Statement gegen kulturellen Inzest und neo-nationalistische, anti-europäische Ideologien macht, sondern auch zu einem Gegenbild zur seelenlosen, industriellen Musik vom Reißbrett, die den „Markt“ beherrscht. Wer künstlerische Individualität, Authentizität und von einer Idee beseeltes kreatives Potenzial sucht, der wird bei Café del Mundos „Beloved Europa“ fündig.

 

BIOGRAFIE

Jan Pascal, Jahrgang 1975, entstammt einer Musikerfamilie. Seine erste Gitarre erhält er von seinem Großvater in Spanien, den ersten Unterricht von einem Onkel. Nach dem Unfalltod seiner Mutter wächst er zunächst bei den Großeltern, später im Musikinternat auf. Nach Unterricht in Klavier, Gesang und Gitarre gründet er 1996 sein eigenes Tonstudio.

Alexander Kilian, Jahrgang 1987, gilt als gitarristisches Wunderkind. Seine multikulturelle musikalische Ausbildung erhält er bei Zaza Miminoshvili. Im Alter von 15 Jahren gewinnt er seinen ersten internationalen Wettbewerb mit dem Stück „Guajiras de Lucia“ von Paco de Lucia.
Es folgen zahlreiche Meisterkurse und Konzerteinladungen nach Israel, Russland, Georgien, Spanien und Italien. 2011 erhält er das künstlerische Diplom im Fach Jazz-Gitarre.

2007 lernen sie sich bei einem Flamenco-Gitarrenworkshop kennen. Es folgen zahlreiche Konzerte und CD-Aufnahmen, über die ein Kritiker schreibt, er fühle sich in das legendäre „Café Cantante“ versetzt, woraus der Bandname „Café del Mundo“ wird.

www.cafedelmundo.de

Wen die Faszination der Flamencogitarre gepackt hat, der mag vielleicht selbst den Anfang wagen, um dann die Stücke von Café del mundo zu spielen:

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