Wawau Adler – Happy Birthday Django 110

Beschreibung

Wawau Adler Gitarre
Hono Winterstein Rhythmus Gitarre
Joel Locher Bass
Alexandre Cavaliere Violine

Bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts kam jeder wesentliche neue Jazzstil aus seinem Mutterland USA – bis auf einen einzigen, der von europäischen Musikern als europäische Spielart des Jazz erfunden wurde: Der Manouche Jazz, auch Gypsy Swing oder Sinti Swing genannt, wie ihn Django Reinhardt mit seinem Hot Club de France in den Dreißigerjahren erfunden und kultiviert hatte. Die Gitarre, die im amerikanischen Jazz lange keine Rolle spielte, stand und steht hier im Mittelpunkt. Und wie der Genre-Name schon andeutet, waren und sind es Musiker aus der Volksgruppe der Sinti und Roma, die Reinhardts so virtuosen, mitreißenden und zeitlosen Stil pflegten und weiterführten, bis heute.

Zu den herausragenden Nachfahren Reinhardts gehört seit langem der 1967 in Karlsruhe geborene Josef „Wawau“ Adler. Bereits mit neun Jahren entdeckte er die Gitarre für sich, mit zwölf Jahren intensivierte er unter dem Eindruck von Biréli Lagrène seine Bemühungen und bereits mit 13 gab er seine ersten Konzerte. Als Twen wandte er sich auch dem Bebop und dem Fusion-Jazz zu, sodass er heute zu den wenigen Sinti-Gitarristen gehört, die Modern Jazz genauso virtuos beherrschen wie Gipsy Swing. Doch nach einer Pause Anfang der neuen Jahrtausends kehrte Adler allerdings wieder zu den Wurzeln seiner Musik zurück. Heute nun, da Django Reinhardt am 23. Januar 2020 seinen 110. Geburtstag gefeiert hätte, setzt ihm Adler zu diesem idealen Anlass erneut ein musikalisches Denkmal, das denn auch „Happy Birthday Django 110“ heißt.

„Da Django Reinhardt mit seinem ‚Quintette du Hot Club de France‘ mich und zahllose andere Musiker auf der ganzen Welt sehr stark geprägt hat, war es naheliegend, das Album auch genau so klingen zu lassen“, sagt Wawau Adler. Deswegen hielt man sich schon bei der Produktion an den Originalsound der alten Aufnahmen: Adler spielt eine originale Selmer Gitarre Nr. 828, die wie Djangos Gitarre Nr. 503 aus den 40er Jahren stammt. Und aufgenommen wurde mit nur zwei weltweit einzigartigen und sehr wertvollen Mikrophonen, die den in dieser Zeit verwendeten Originalen nachempfunden sind. Weitere Aufnahmetechnik wurde, wie schon damals, nicht verwendet. Zum Respekt für das großen Vorbild gehört auf der anderen Seite auch, seine Vorstellung von Jazz als individuellen Ausdruck ernst zu nehmen: „Natürlich sollten die Soli nicht einfach nur kopiert werden,“ betont Adler, „Django wurde deshalb während der Vorbereitungen und bei den Aufnahmen im Studio mein ständiger Begleiter im Geiste. Immer wieder aufs Neue stellte ich mir die Frage: Wie hätte er es wohl gemacht? Welche Töne, welche Licks hätte er gespielt? Was hätte laut, sanft, dynamisch, liebevoll oder auch melancholisch oder gar traurig geklungen? Eine Herausforderung, denn dies passiert in der improvisierten Musik genau zum Zeitpunkt der Entstehung.“

Eine Herausforderung, die Adler hier bezwingend meistert. Technisch ohnehin, von den Sweepings bis zu den typischen Tremolo-Pickings und -Glissandi, von den locker eingestreuten rasenden Läufen bis zu den Oktavgriffen. Aber auch bei der Interpretation der von vier Reinhardt-Kompositionen eingerahmten Standards ganz unterschiedlicher Provenienz, von Walter Donaldsons „My Blue Heaven“ und George Gershwins „The Man I Love“, beide aus dem Jahr 1924, über Morgan Lewis‘ „How High The Moon“ von 1940 bis zu Michel Legrands „I Will Wait For You“ von 1964. Ob langsame romantische Balladen wie „Time On My Hands“, ob Midtempo-Blues wie „Melodie Au Crepuscule“ oder Hochgeschwindigkeitsstücke wie der Django-Opener „Twelfth Year“, Adler lässt es nicht nur makellos swingen, er umspielt auch jede Melodie so fantasievoll und ausdrucksstark wie sein großes Vorbild.

Wobei natürlich seine Begleiter ins Spiel kommen, denn zu einer authentischen „Djangologie“ gehört eben auch ein „Hot Club“. So wie Reinhardt nicht ohne seinen Bruder Joseph „Nin-Nin“ an der Rhythmusgitarre, einen Stephane Grappelli an der Violine oder einen Louis Vola am Bass auskam, so hat auch Wawau Adler kongeniale Mitstreiter an seiner Seite. Da ist zum einen sein langjähriger Freund und Wegbegleiter Hono Winterstein, einer der wohl besten Rhythmusgitarristen weltweit. Der 57-Jährige spielte schon in den späten Siebzigerjahren im Gino Reinhardt Trio, später mit Dorado, Samson und Tchaolo Schmitt, seit 2001 schließlich oft mit Biréli Lagrène, mit dem er auch in den Vereinigten Staaten und Japan tourte. Auch Chanson-Star Patricia Kaas griff bereits auf seine Dienste zurück. Für dieses Projekt von Wawau Adler steuerte er nicht nur seine unbestechlich präzise Rhythmusarbeit, sondern auch die wundervolle, von ihm komponierte Ballade „Lune De Miel“ bei.

Für die Tiefton-Grundierung sorgt der schweizerisch-deutsche Bassist Joel Locher. Der 37-Jährige ist mit allen Facetten seines Instruments vertraut. Als Sohn einer Opernsängerin und eines klassischen Kontrabassisten erhielt er vom fünften Lebensjahr an Musikunterricht, lernte Klavier, Cello und Trompete, bevor er den Bass für sich entdeckte. Nach einer klassischen Ausbildung bei Ulrich Lau an der Musikhochschule Stuttgart war er Solokontrabassist im Stuttgarter Jugendkammerorchester und Praktikant bei den Stuttgarter Philharmonikern. Parallel dazu beschäftigte er sich zunehmend mit Jazz. Für seine Vielseitigkeit und Virtuosität spricht die Mitgliedschaft im Trio der jungen Modern-Jazz-Pianistin Olivia Trummer wie bei Funka Nova mit Pee Wee Ellis und Peter Fessler. Doch seine größte Liebe gehört dem Hot Jazz, den er mit veritablen Django-Reinhardt-Erben wie Gismo Graf, Sandro Roy oder Frank Kuruc pflegt. Seine erste Gypsy-Swing-Station freilich war schon in den frühen 2000er Jahren das Ensemble von Wawau Adler, dem er bis heute die Treue hält.

Neu bei Adler, und ein Glücksfall ist dagegen der erst 34-jährige belgische Geiger Alexandre Cavaliere, zu dem Hono Winterstein den Kontakt herstellte. Auch er stammt aus einer Musikerfamilie und hatte schon als Kind prägende Erfahrungen im Orchester seines Vaters. Auch an Klavier und Schlagzeug ausgebildet, gehörte seine Leidenschaft jedoch schon früh der Geige – und dem Gypsy Swing. Schon mit Zwölf fiel er Didier Lockwood auf, dem unvergessenen Star-Geiger des Jazz, und durfte bei ihm lernen. Bald war Cavaliere eine Attraktion auf den großen Festivals und spielte mit Größen wie Toots Thielemans, Richard Galliano oder Richard Bona, vor allem aber mit einigen der wichtigsten Reinhardt-Erben wie Dorado Schmitt, Stochelo Rosenberg oder Biréli Lagrène. Nun trägt er mit seiner perfekten Interpretation des Grappelli-Sounds und phänomenalen Soli (etwa bei „The Best Things On Life Are Free“ oder „Time On My Hands“, und besonders beeindruckend die Improvisationen bei „My Blue Heaven“) seinen Teil für Adlers Geburtstagsgeschenk an den großen Django Reinhardt bei. Ein Präsent, über das der Meister sicher begeistert gewesen wäre. Und das in seiner zeitlosen Schönheit auch jeden Hörer überzeugt, der Hot Jazz mag.

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